Freitag, 17. September 2021

World of Wong Kar-Wai im DAS KINO

Wong Kar-Wai: Ein Versprechen muss man halten ­čśÇ


Als mein Sohn und ich im Programmheft des DAS KINO entdeckten, dass es eine Retrospektive der Filme von Wong Kar-Wai der Jahre 1989 bis 2004 gibt, war uns klar, dass wir sie uns anschauen werden.

Programmhft Seite 17


Mir sagte zun├Ąchst der Name dieses Hongkong-Regisseurs nichts (was sich jedoch rasch ├Ąnderte), aber vor etlichen Jahren haben mein Sohn und ich uns mit Begeisterung mehrere Filme des Hongkong-Regisseurs John Woo angesehen: "A Better Tomorrow", "Hard Boiled", "The Killer", um nur einige zu nennen.

As Tears Go By, 1988
In Wong Kar-Wais Spielfilmdeb├╝t wird sowohl eine Gangster- wie auch Liebesgeschichte erz├Ąhlt: Ah Wah (Andy Lau) ist Kleinkrimineller, der den jungen Fly (Jackie Cheung) unter seine Fittiche genommen hat. Fly m├Âchte so cool wie Ah Wah werden, bringt sich aber durch seine Gro├čm├Ąuligkeit immer in neue Schwierigkeiten, aus denen ihm Ah Wah st├Ąndig helfen muss.
Als sich Ah Wah in seine Cousine (Meggie Cheung) verliebt, die f├╝r ein paar Tage bei ihm wohnt, glaubt er an ein gutes Ende. Aber Fly ist in den allergr├Â├čten Schlamassel geraten und bittet Ah Wah wieder um Hilfe. Damit beginnt das Verh├Ąngnis...

In diesem Film gibt es viele Gewaltszenen. Anders als bei John Woo, dessen Gewaltszenen wie ├Ąsthetisch choreografiertes Ballett wirken, empfand ich sie bei Wong Kar-Wai einfach nur als brutal. Ich war direkt, ehrlich gesagt, ein bisschen erschrocken und bef├╝rchtete, dass auch die anderen Filme so sind - aber meine Sorge war unbegr├╝ndet.

Days of Being Wild, 1990
York (Leslie Cheung) ist ein Playboy, dem nur daran liegt, M├Ądchen zu erobern und dann ihr Herz zu brechen. Seine erste Romanze ist mit Li-zhen (Maggie Cheung). Auf ihre Frage hin, ob er sie liebt, erwidert York herzlos, dass er noch viele M├Ądchen kennenlernen wird und erst am Ende wei├č, welche er geliebt hat. Darauf folgt gleich seine n├Ąchste Beziehung mit Mimi, einer Cabaret-T├Ąnzerin (Corina Lau).
Gleichzeitig erfahren wir, dass York ein sehr gespaltenes Verh├Ąltnis zu seiner Adoptivmutter (Rebecca Pan) hat, einer fr├╝heren Prostituierten. Er ist davon besessen, seine biologische Mutter zu finden und das f├╝hrt ihn auf die Philippinen...
Ab diesem Film (der 1. Teil einer inoffiziellen Trilogie, zusammen mit In the Mood for Love und 2046) arbeitet Wong Kar-Wai mit dem australischen Kameramann Christopher Doyle zusammen. Doyle liefert eine gro├čartige und au├čergew├Âhnliche Bildersprache in atemberaubenden Sequenzen, die, zusammen mit dem Soundtrack, genau unterst├╝tzt, was Wong Kar-Wai dem Zuschauer vermitteln will.

Chungking Express, 1994
Der Film erz├Ąhlt von Liebe, Verlust, Erinnerung und dem Willen, sich wieder neu zu verlieben: Zwei Polizisten (Takeshi Kaneshiro als Cop 223 und Tony Leung Chiu-Wai als Cop 663) begegnet die gro├če Liebe. W├Ąhrend Cop 223 seine f├╝r immer verliert, findet Cop 663 nach dem Ende seiner Beziehung zu einer Flugbegleiterin eine neue. Aber wird sie auch Erf├╝llung finden ? Eine wichtige Rolle spielt dabei
ein Schnellimbiss.
Der Film ist zauberhaft, voller Ideen und es gibt viel zu lachen. Trotzdem ist es eine bitter-s├╝├če Geschichte. Quentin Tarantino war so ger├╝hrt von diesem Film, dass er ihn in die westlichen Kinos brachte, so dass Wong Kar-Wai  bei uns auch bekannt wurde und Kultstatus erreichte.

Fallen Angels, 1995
Seit l├Ąngerem arbeitet "Agentin" (Michelle Reis) f├╝r "Killer" (Leon Lai). Sie kennen sich nicht, aber sie reinigt sein Apartment, verwischt seine Spuren und schickt ihm Nachrichten, wen er t├Âten soll. L├Ąngst ist sie in ihn verliebt. Als "Killer" aussteigen m├Âchte, bittet sie ihn um einen letzten Gefallen....Wie auch in As Tears Go By endet das in einem Drama.

Happy Together, 1997
Lai (Tony Leung Chiu-Wai) und Ho (Leslie Cheung) verlassen gemeinsam Hongkong und reisen nach Argentien. Sie hoffen, dort ihre Homosexualit├Ąt ausleben zu k├Ânnen. Aber Ho verl├Ąsst Lai und prostituiert sich. Lai hingegen arbeitet als T├╝rsteher und freundet sich mit Chang (Chang chen) an, der aber bald Argentinien verl├Ąsst. Nach gewaltvollen Eskapaden kehrt Ho zu Lai zur├╝ck, aber die Liebe zwischen ihnen ist nicht mehr zu retten. Ho bleibt in Argentinien, w├Ąhrend Lai nach Hongkong zur├╝ck- kehrt, ├╝ber einen Zwischenstopp in Taipeh, wo er Chang zu finden hofft.
Mit dem Thema Homosexualit├Ąt hat Wong Kar-Wai meiner Meinung nach viel Mut bewiesen. Und es gibt eine Szene/Kameraeinstellung in dem Film, die die gro├če Einsamkeit Menschen mit dieser Veranlagung zeigt, selbst zwischen diesen beiden miteinander verbundenen M├Ąnnern: Ihr altes Auto hat den Geist aufgegeben, sie stehen, ohne miteinander zu sprechen, an einer langen Stra├če, in der Hoffnung, dass ein Auto vorbeikommt. Aber die Stra├če bleibt leer, hinter ihnen ist das Nichts und gegen├╝ber der Stra├če eine riesige Ein├Âde.

In the Mood for Love, 2000

Programmheft Seite 18


 Der Film spielt im Hongkong der 1960iger Jahre. Der Zeitungsredakteur Chow (Tony Leung Chiu-Wai) bezieht mit seiner Ehefrau eine Wohnung im Haus der Shanghai-Community. Nebenan zieht Li-zhen (Maggie Cheung) mit ihrem Mann ein. Sie werden gute Nachbarn und Freunde, m├╝ssen aber eines Tages feststellen, dass sie von ihren Ehepartnern betrogen werden. Damit setzt sich eine gef├Ąhrliche Spirale an Wirrungen in Gang, zumal sich Chow in Li-zhen verliebt hat. Aber liebt ihn auch Li-zhen und wenn ja, genug, um ihren Mann zu verlassen ?

Man k├Ąme nie auf den Gedanken, dass es kein Drehbuch zu dem Film gab: "Ein faszinierender, formvollendeter Film, der ein h├Âchst differenziertes Bild seelischer Befindlichkeiten zeichnet" (Zitat aus Lexikon des internationalen Films)

2046, 2004
Hongkong 1966: Chow (Tony Leung Chiu-Wai) hat sich in das Hotelzimmer 2046 zur├╝ckgezogen und arbeitet an einem Science-Fiction Roman. Je weiter er sich in die Zukunft schreibt, desto intensiver werden seine Erinnerungen an die Frauen, die in seinem Leben Bedeutung hatten, vor allem an seine gro├če Liebe, die unerf├╝llt geblieben ist.
Die Zimmernummer 2046 spielt bereits in In the Mood for Love eine Rolle. In 2046 hei├čt es, wer einmal dieses Zimmer betreten hat, kommt nie wieder heraus.

Nat├╝rlich sind Wong Kar-Wais Filme wesentlich vielschichtiger, als ich es hier in diesen kurzen Inhaltsbeschreibungen wiedergeben kann. Gezeigt wurden die Filme in der Originalsprache mit deutschen Untertiteln. 

In allen Filmen der Retrospektive sp├╝rt man die Liebe Wong Kar-Wais zu Hongkong. Aber er zeigt uns nicht die glitzernde und reiche Stadt, wie wir sie im Westen zur britischen Kolonialzeit kennen, sondern Wong Kar-Wai f├╝hrt uns zu den Menschen am Rande der Gesellschaft, die in sch├Ąbigen Wohnungen hausen, zu ihren zerplatzten Hoffnungen, vertanen Leben, ihrer unerf├╝llten Liebe, ihrer Unf├Ąhigkeit, ├╝ber ihre wahren Gef├╝hle zu sprechen - und trotzdem machen sie immer weiter. ├ťber allem liegt ein Hauch von Melancholie, verst├Ąrkt durch Symbole wie gro├če Uhren und prasselnden Regen.
Die Filme hallen in mir nach, besch├Ąftigen mich....zu meinen Favoriten z├Ąhlen Happy Together, In the Mood for Love und nat├╝rlich Chungking Express (letzteren werde ich mir kaufen).


Es war, zusammen mit Theater im Kino, ein wunderbarer Kino-Sommer !!!! Und zu guter Letzt noch ein Gest├Ąndnis: Zu John Woos Zeiten war ich von Chow Yun Fat hingerissen, jetzt bin ich es von Tony  Leung Chiu-Wai ­čśŹ



 






 

Mittwoch, 1. September 2021

Leckerbissen im DAS KINO....

...nein, keine kulinarischen f├╝r einen Stehempfang einer VIP-Person, sondern cineastische. In Kooperation mit DAS KINO zeigten die Salzburger Festspiele vom 26. Juli bis 21. August anl├Ąsslich des 100j├Ąhrigen Bestehens der Festspiele unter dem Titel "Theater im Kino" Filme der Jahre 1920 bis 1937 zu Ehren von Max Reinhardt.


Jeder wei├č um die Bedeutung Max Reinhardts f├╝r Salzburg und seiner eigenen Verbundenheit mit der Stadt. Verbunden war er aber auch mit der Schauspielerfamilie Thimig, da er mit Helene Thimig verheiratet war. 


                                         

 Das Program umfasst deshalb Filme des Reinhardt Ensembles und der Thimig Dynastie.

Ein gl├╝cklicher Zufall lie├č meinen Sohn und mich das Booklet entdecken und da wir alte Filme sehr m├Âgen, war uns sofort klar, dass wir uns so viele Filme, wie zeitlich m├Âglich, anschauen werden. Ich pers├Ânlich liebe den Moment, wenn es im Saal dunkel wird und der Film startet, ein dunkles Rechteck mit vielen wei├čen, tanzenden Punkten und leisem Rauschen.

Gemeinsam haben wir uns angesehen:

Scherben 1921, Regie : Lupu Pick, mit Werner Krau├č, Edith Posca, am Piano Maud Nelissen

Die Verrufenen 1925, Regie: Gerhard Lamprecht, mit Frida Richard, Elektronische Musik mit Inou Ki Endo (Shilla Strelka)

1914, die letzten Tage vor dem Weltbrand 1930, Regie: Richard Oswald, mit Oskar Homolka, Heinrich George, Hans Peppler, Ferdinand Hart

Unsichtbare Gegner 1933, Regie: Rudolf Katscher, mit Paul Hartmann, Oskar Homolka

Geld auf der Stra├če 1930, Regie: Georg Jacoby, mit Hugo und Hans Thimig

Die gro├če Liebe 1931, Regie: Otto Preminger, mit Hugo Thimig

Mensch ohne Namen 1932, Regie: Gustav Ucicky, mit Helene Thimig

Tanzmusik 1935, Regie: Johann Alexander H├╝bler-Kahla, mit Hans und Hermann Thimig

Br├╝derlein fein 1942, Regie Hans Thimig, mit Hermann Thimig

Die kluge Marianne 1943, Regie: Hans Thimig, mit Hermann Thimig

Zu jedem Film gab Kurator Olaf M├Âller eine Einf├╝hrung, informativ und launig zugleich.

Zu meinen Favoriten z├Ąhlen von den zehn gesehenen Filme aus unterschiedlichen Gr├╝nden die folgenden sieben:

Scherben
Erz├Ąhlt wird die Geschichte einer Bahnw├Ąrterfamilie kammerspielartig: Vater, Mutter und Tochter leben ihren gewohnten Alltag. Das Auftauchen eines Inspektors, einquartiert in ihrem kleinen H├Ąuschen, f├╝hrt jedoch innerhalb k├╝rzester Zeit zum Zerfall der Familie.
Dieser Film kommt ohne jede Worteinblendung aus, erst ganz zum Schluss sagt der verzweifelte Vater : "Ich bin ein M├Ârder".

Scherben, Booklet S. 17 oben
 

Die Verrufenen
F├╝r zwei, aus dem Gef├Ąngnis entlassenen M├Ąnner, teilen sich ihre Lebenswege: Einer wird
wieder zum Gauner, der er auch vorher war, der andere - Robert Kramer - will wieder ehrbar werden. Gespielt wird Robert Kramer mit grosser Intensit├Ąt von Bernhard Goetzke.
Ich kannte diesen Schauspieler nicht, aber ich fand ihn so bemerkenswert, dass es mir wichtig war, seinen Namen zu erfahren.

Leider konnte ich nur diese zwei Stummfilme sehen. F├╝r mich sind gerade diese Filme, in denen haupts├Ąchlich nur ├╝ber Gestik und Mimik dem Zuschauer die Geschichte erz├Ąhlt wird, Kunst !

1914, die letzten Tage vor dem Weltbrand
Hier geht es nicht um das Attentat von Sarajewo, sondern hochinteressant um die Zeit danach, in der die Staatsherrscher dar├╝ber verhandeln, ob es Krieg geben soll oder nicht (erschreckend die Wankelm├╝tigkeit und Beeinflussbarkeit des Zaren Nikolaus II.), um das Zerbrechen bestehender B├╝ndnisse, nicht eingehaltener Versprechen, Alleing├Ąnge und letztendlich zur Kriegserkl├Ąrung an Serbien durch Kaiser Franz Joseph.
Mich hat der Film zu Jean Jaur├Ęs gef├╝hrt, dem Mann, der sich vehement gegen einen Krieg bis zur letzten Minute ausgesprochen hat und daf├╝r ermordet wurde. Ich wollte gerne mehr ├╝ber ihn erfahren und habe mir das Buch von Jost Meyen "Jean Jaur├Ęs, Ein Leben f├╝r den Frieden" gekauft - und gleich gelesen.

Unsichtbare Gegner
Die Quellen der Amazonas Oil Company sind versiegt, aber ihr Besitzer versucht, seine Firma mittels eines veralteten Gutachtens noch teuer zu verkaufen.
Ein spannender Krimi nach dem Motto "Schau, wem trau - am besten traue niemandem". In den Hauptrollen Paul Hartmann als Gutmensch und Oskar Homolka als B├Âsewicht, so brillant und pr├Ąsent, dass man gerne seine Gangsterbraut sein m├Âchte !

Geld auf der Stra├če
Einfach eine Wohlf├╝hlkom├Âdie mit durchweg spritzigen Dialogen und viel Anlass zum Lachen. Im Mittelpunkt steht Georg Alexander als ewig pleiter Lebensk├╝nstler, dabei so charmant, dass man ihm nicht b├Âse sein kann. Dank seiner Schlitzohrigkeit bringt er es letztendlich zum Million├Ąr und zur Verlobung mit der Bankierstochter Dodo, die eigentlich nach dem Wunsch des Vaters einen anderen Mann heiraten sollte.

Dieser Film wurde liebevoll aus zusammengetragenen Teilen restauriert - manchmal tauchen polnische Texteinblendungen auf. Einige der alten Filme kann man kaufen, diesen leider nicht. Dabei w├╝rde ich ihn mir sehr gerne nochmals anschauen...

Die gro├če Liebe
Mutter Frieda ist sich auch nach zehn Jahren sicher, dass ihr Sohn Franz nach dem Krieg heimkehren wird. Eines Tages entdeckt sie in der Zeitung das Foto eines namenlosen Mannes, der ein Kind aus dem Fluss gerettet hat: das ist ihr Franz ! Sie setzt alle Hebel in Bewegung, um seinen Aufenthaltsort zu erfahren und findet ihn schlie├člich in der Einrichtung f├╝r wohnungslose Sp├Ątheimkehrer. In einer Runde sitzen mehrere M├Ąnner zusammen, einer spielt Akkordeon und alle singen. 
Die Szene, die sich beim Eintreten von Mutter Frieda abspielt, fand ich sehr anr├╝hrend: Alle M├Ąnner verstummen und schauen zu, wie Mutter Frieda ihren Franz umarmt und gar nicht loslassen will. Als beide gegangen sind, will der Akkordeonspieler die vorherige Stimmung wieder aufleben lassen, aber es gelingt ihm nicht. Nach ein paar T├Ânen gibt er auf, denn in allen Gesichtern der M├Ąnner zeigt sich Hoffnungslosigkeit und Trauer, denn keiner wartet auf sie.

Mutter Frieda tut alles f├╝r ihren Franz, von dem wir als Zuschauer bereits wissen, dass er nicht ihr Sohn ist. Als sich Franz in die Tochter des Taxiunternehmers verliebt, gesteht er ihr alles, bittet sie aber, Mutter Frieda nichts davon zu erz├Ąhlen. Er will sie nicht verletzen, aber ich fragte mich, entschuldigt das diese Lebensl├╝ge ? Die Frage wird mir am Schluss des Filmes beantwortet: Mutter Frieda sagt zu ihrer Nachbarin: "Du darfst es ihm nie erz├Ąhlen, aber ich wei├č, dass er nicht mein Franz ist. Aber ich liebe ihn!"

Damit war ich aber nicht zufrieden: Zwei Menschen mit je einem solchen Geheimnis und in meiner Phantasie malte ich mir aus, wie am Sterbebett von Mutter Frieda die gro├če Aussprache kommt....

Die gro├če Liebe, Booklet S. 21 oben

Mensch ohne Namen
Auch hier wird das Thema Kriegsheimkehrer aufgegriffen: Ein Soldat in der Uniform des deutschen Kaiserreichs wird schwer verletzt und ohne Papiere auf einem russischen Schlachtfeld aufgefunden und im Lazarett gesund gepflegt. Aber er hat sein Ged├Ąchtnis verloren. So bleibt er in der Sowjetunion, hat Arbeit und f├╝hrt ein ruhiges Leben - bis ihm eines Tages eine deutschsprachige Zeitung in die H├Ąnde f├Ąllt und sein Ged├Ąchtnis schlagartig wiederkehrt: Er ist Deutscher, hei├čt Heinrich Martin, hat eine Frau und Tochter und zudem ist er Besitzer eines gro├čen Werkes. Aufgew├╝hlt f├Ąhrt er nach Deutschland, aber niemand glaubt ihm, dass er Heinrich Martin ist. Seine Frau hat ihn f├╝r tot erkl├Ąren lassen, ist wieder verheiratet und seine Tochter sagt zum Stiefvater Papa.
Der Film zeigt den ganzen beh├Ârdlichen Irrsinn und die Unm├Âglichkeit auf, aus einem Toten wieder einen Lebenden zu machen. Die Sache geht bis vor das Gericht und letztendlich wird er gezwungen, einen neuen Namen anzunehmen, damit er Papiere erh├Ąlt. Ich kann nur mit  dem Kopf sch├╝tteln !
Als Zuschauer glauben wir zuerst, dass er wirklich Heinrich Martin ist, aber je weiter die Handlung fortschreitet, kommen uns Zweifel, ob er nicht doch ein Betr├╝ger ist - wir erfahren nicht die Wahrheit. Es gibt eine Szene, in der er sich im Spiegel anschaut und sagt: "Mich erkennt ja niemand mehr." Im Nachhinein fragte ich mich, hat er das voller Trauer oder Genugtuung gesagt ?

Mensch ohne Namen, Booklet S. 21 unten

Die Gelegenheit, all die alten Filme anschauen zu k├Ânnen, hat uns viel Freude gemacht und wir waren direkt ein bi├čchen wehm├╝tig, als es zu Ende war....

Booklet S. 6: Hermann, Helene und Hugo Thimig mit Max Reinhardt

ABER: DAS KINO hielt in dieser Zeit noch ein weiteres Schmankerl bereit: Eine Retrospektive derWong Kar-Wai Filme 1988 bis 2004. Diese haben wir uns auch angeschaut - nat├╝rlich - und deshalb: Fortsetzung folgt !



 

 

 

 

 





Mittwoch, 29. April 2020

Frei nach Loriot: Ein Buch ! Ein Buch !


Der Titel ist - wenn auch nur eine geringf├╝gige - Untertreibung,  denn ich m├Âchte vier sehr unterschiedliche B├╝cher, die in letzten Zeit zu meiner Sammlung hinzukamen, vorstellen. Wir haben jetzt mehr Lockerungen, aber nach wie vor die Corona-Krise und daheim bleiben ist immer noch eine gute Option! Und uns verbleibt Mu├če zum Lesen....


Mein Sohn war Anfang des Jahres in Amerika und hat mir Dropped Names von Frank Langella mitgebracht, da er wei├č, wie sehr ich diesen Schauspieler mag. Ich habe Frank Langella - leider - erst sehr sp├Ąt entdeckt, und zwar in dem Film Frost/Nixon. Wie dieser Mann mit seinen Augen eine ganze Skala von Empfindungen ausdr├╝ckt - ich wurde sofort sein Fan ! Geboren wurde Langella 1938 in Bayonne, New Jersey, und hat eine lange Schauspielkarriere. In seinem Buch erz├Ąhlt er von Begegnungen mit (65) ber├╝hmten Menschen.
Seine erste Begegnung war die mit Marilyn Monroe: Er ist f├╝nfzehn Jahre alt und f├Ąhrt heimlich nach New York. Daf├╝r hat er lange gespart und ihm bleibt nur ein Tag. In New York wandert er den Times Square entlang, ohne zu wissen, wonach er sucht. Sp├Ąt am Nachmittag macht er sich tief entt├Ąuscht auf den R├╝ckweg zum Flughafen. Pl├Âtzlich kommt aus einer Seitenstra├če eine schwarze Limousine auf ihn zu und ihr entsteigt Marilyn Monroe.  Sie sieht ihn dort stehen, blickt ihn an und sagt mit sanftem Fl├╝stern "Hi". Dieses "Hi" befreit ihn von dem Gef├╝hl, nichtssagend und in seinem kleinen Heimatort wie in einem Gef├Ąngnis zu sein. "One was enough. Lightning had struck."

Billie Burke verbrachte die letzten Jahre ihrer Karriere damit, die Schulden ihres Ehemannes Florenz Ziegfeld zu begleichen. So stand sie 1956 mit zweiundsiebzig Jahren in der Kom├Âdie The Solid Gold Cadillac auf der B├╝hne und Frank Langella ergatterte zwei kleine Rollen. Die erste Rolle war die eines Reporters, der eine Kamera h├Ąlt. Seine zweite bestand darin, Billie Burke beim Schlu├čapplaus als Solid Gold Chauffeur auf die B├╝hne zu begleiten und sich dann hinter den Vorhang zur├╝ckzuziehen. Alles an ihm war golden, selbst sein Gesicht. Von Vorstellung zu Vorstellung wurde sein R├╝ckzug k├╝rzer und bei der allerletzten Vorstellung, w├Ąhrend das Publikum enthusiastisch applaudierte, blieb er einfach neben Billie Burke stehen, nahm ihre Hand und f├╝hrte sie dann von der B├╝hne. Sie drehte sich zu ihm um, schaute ihn an und sagte:  "Mustn´t be greedy, dear. Your time will come."
Ich liebe dieses Buch sehr, lese mit Genuss die Episoden und bin ber├╝hrt davon, wie Langalla seine Begegnungen beschreibt: da gibt es herzerw├Ąrmende, traurige, lustige, kritische, ablehnende - und
immer ist er selbstironisch.
(Das Buch gibt es auch bei uns zu kaufen)


Mit Freefall ist Jessica Barry ein bemerkenswert aussergew├Âhnlicher Deb├╝troman gelungen:

Die drei├čigj├Ąhrige Ally ├╝berlebt einen Flugzeugabsturz in den Rocky Mountains. V├Âllig alleine k├Ąmpft sie sich durch unwegsames, menschenfeindliches Gebiet. Sie wird jedoch verfolgt von jemandem, der ihr nichts Gutes will.
Allys Mutter erh├Ąlt die Nachricht, dass ihre Tochter tot ist, die Leiche aber nicht gefunden wurde. Das l├Ąsst sie hoffen, dass ihre Tochter noch lebt. Da sie seit Jahren keinen Kontakt zu ihr hatte, versucht sie, alles ├╝ber Ally in dieser Zeit des Schweigens herauszufinden. Aber nichts davon, was sie erf├Ąhrt, gef├Ąllt ihr...
 Ich verspreche mit diesem Thriller atemlose Spannung, man muss immer weiter und weiter lesen - ein echter Pageturner !




Achtung !! Dieses Buch hat Sogwirkung !!

Bei dem Versuch einer Inhaltsangabe stelle ich fest, dass sich die Vielschichtigkeit dieses Buches
sehr schwer wiedergeben l├Ąsst. Deshalb ├╝bernehme ich zun├Ąchst den Klappentext:
"Der junge Arzt Norton Perina kehrt mit einer unfassbaren Entdeckung von der Insel Ivu´ivu zur├╝ck: Hat er wirklich ein Mittel gegen die Sterblichkeit gefunden? Eine uralte Schildkr├Âtenart soll das Geheimnis des ewigen Lebens in sich tragen.
So kometenhaft Perina damit zur Spitze der Wissenschaft aufsteigt, so rasant vollzieht sich die Kolonisierung und Zerst├Ârung der Insel. Mit gnadenloser Verf├╝hrungskraft zieht Hanya Yanagihara uns hinein in den Forscherrausch im Urwald und l├Ąsst uns auch dann nicht entkommen, als Perina dort eine weitere Entdeckung macht: seine fatale Liebe zu Kindern. Wie betrachten wir eine Lebensleistung, wenn sich das Genie als Monster entpuppt? Das ist die Frage in diesem brillant geschriebenen, gef├Ąhrlichen Dschungel von einem Roman."

Damit ist eigentlich alles gesagt, aber doch zu wenig, was die Faszination dieses Romans ausmacht: Es geht um ein Geflecht von Forschergeist, Anthropologie, Grausamkeiten im Namen der Wissenschaft, Jagd nach Ruhm, menschlichem Fehlverhalten, Freundschaft, Feindschaft und unangemessener Liebe.

Zu erw├Ąhnen ist noch, dass das Buch viele Fu├čnoten enth├Ąlt und man oft in Versuchung ist, das Angegebene zu ├╝berpr├╝fen. Hier ein ganz kurzes Beispiel:
S. 139, 25 Die Opa´ivu`eke ist bis heute die einzige verzeichnete Schildkr├Âte, die dauerhaft sowohl in S├╝├č- als auch in Salzwasser leben kann.



Ich habe schon einmal erw├Ąhnt, dass ich zwischendurch auch gerne gelegentlich Jugendb├╝cher lese und so schaue ich in den Buchhandlungen auch immer ├╝ber das Angebot an Jugendliteratur hin. Tausend Mal Schon von Marah Woolf ist mir durch die Aufmachung aufgefallen: lila Seitenkanten mit Libellen




Die Geschichte: Die achtzehnj├Ąhrige Sasha stammt aus einer Magierfamilie, will aber ihre Gabe nicht annehmen. Als sie nach dem Tod ihrer Eltern zur Gro├čmutter auf die abgeschiedene Insel Alderney kommt, ist das zun├Ąchst auch ganz einfach. Doch dann tritt Cedric de Gray in ihr Leben. Er rettet sie vor dem Ertrinken und vor dem Seelenf├Ąnger Lazarus Rimmon, der es durch viele Leben hindurch auf ihre Seele abgesehen hat. F├╝r Cedric ist es sein tausendstes und als Verfluchter letztes Leben. Sasha verliebt sich in ihn und sucht verzweifelt nach einem Weg, seine Seele und damit ihn zu retten. Daf├╝r muss sie jedoch ihre magische Begabung annehmen.
Aber gelingt es ihr? Nur so viel sei verraten, das Ende ruft nach einer Fortsetzung.

Das Buch ist eine Mischung aus Mysterie, Phantasie, Liebesgeschichte und Krimi. Es liest sich leicht wie Urlaubslekt├╝re, aber wenn man genauer hinschaut, l├Ąsst sich einiges aus dem Magischen l├Âsen und in das reale Leben ├╝bertragen: beispielsweise, indem man Lazarus als faustisches Element sieht.





Eigentlich ist meine Zeit, als ich Hesse mit Hingabe las, schon l├Ąnger vorbei. Aber in Tausend Mal Schon ist vorab ein wunderbares Gedicht von Hesse aus eben diesem Band  Das Lied des Lebens. Ich besitze einige Gedichtb├Ąnde und schreibe ja selbst gelegentlich Gedichte, so kaufte ich mir das B├Ąndchen. Nun lese ich Gedicht f├╝r Gedicht und lasse jedes nachhallen. Und wenn ich wei├č, ich muss irgendwo warten, ist das B├╝chlein in meiner Handtasche. Hier ein kurzes Gedicht von Hesse, passend zur Jahreszeit:

Fr├╝hling
In d├Ąmmrigen Gr├╝ften
Tr├Ąumte ich lang
Von deinen B├Ąumen und blauen L├╝ften,
Von deinem Duft und Vogelgesang

Nun liegst du erschlossen
In Glei├č und Zier
Von Licht ├╝bergossen
Wie ein Wunder vor mir.

Du kennst mich wieder,
Du lockst mich zart
Es zittert durch alle Glieder
Deine selige Gegenwart
 



F├╝r mich geh├Âren zu  B├╝chern Lesezeichen, denn ein Eselsohr als Markierung k├Ąme niemals in Frage. Ich sammle sie mit Hingabe - hier eine kleine Auswahl.
Auf der R├╝ckseite eines Lesezeichens steht "Lieblingsbuch"


Ich habe viele B├╝cher, die ich sehr mag (bis hin zu zweimal gelesen), aber dieses Lesezeichen geh├Ârt eindeutig in mein unbestrittenes Lieblingsbuch  Die Kalifornische Sinfonie von Gwen Bristow. Dieses Buch besitze ich schon seit rund f├╝nfzig ! Jahren und ich habe es sch├Ątzungsweise bereits f├╝nfundzwanzig Mal gelesen. Manchmal von Anfang bis Ende, manchmal ab einer bestimmten Stelle.

Passt weiterhin gut auf euch auf, bleibt achtsam - und vor allem gesund!







Sonntag, 5. April 2020

Ich bin wieder da....

...nach fast einem Jahr Schweigen....
Zun├Ąchst war 2019 angef├╝llt mit Tiefpunkten: in M├╝nchen starb im Fr├╝hjahr eine liebe Freundin nach zwei Jahren Kampf an Krebs. Diese Freundin war der gro├čherzigste Mensch, den ich kenne. Selbst als es ihr immer schlechter ging, k├╝mmerte sie sich noch um andere. Ich denke oft an sie und vermisse sie.
Nach ihrem Tod brauchte ein mir sehr, sehr nahestehender Mensch, der durch den Verlust direkt betroffen war, meinen Beistand, den ich ihm selbstverst├Ąndlich von Herzen gerne gab.
Im Herbst erwischte mich eine starke Erk├Ąltung und ich hatte ├╝ber einen langen Zeitraum hin scheu├čliche Hustenanf├Ąlle. Gl├╝cklicherweise sind sie inzwischen verschwunden.
In der zweiten Jahresh├Ąlfte gab es aber auch H├Âhepunkte: im Oktober wieder hier Jazz & The City

Cover des Booklets
  und mein Sohn, seine Freundin und ich (immer noch mit Hustenanf├Ąllen und ausger├╝stet mit diversen Sprays, Hustenbonbons und Trinkflasche)  h├Ârten uns viele gro├čartige Konzerte an verschiedenen Spielorten an. Ein besonderer Spielort war die Werkstatt des Schirmmachers (ja, es gibt wirklich hier in Salzburg einen Schirmmacher) in der Getreidegasse.

Foto aus dem Booklet


Und im November Herbie Hancock im Gasteig in M├╝nchen. Die Karten f├╝r meine Tochter, meinen Sohn und mich waren l├Ąngst gekauft und man denkt, bis November ist es noch so lange hin, hoffentlich kommt nichts dazwischen und auf einmal - zack - ist es soweit. Zu dem Konzert l├Ąsst sich nichts anderes sagen als: gro├čartig, gro├čartig, gro├čartig !



An Silvester hat sich wohl jeder gew├╝nscht, dass 2020 ein gutes Jahr wird. F├╝r uns lie├č es sich auch zun├Ąchst gut an, denn das Corona-Virus im fernen China schien weit weg und es war unvorstellbar, dass es nach Europa schwappen k├Ânnte.
Anfang Januar waren mein Sohn und ich noch ohne jede Bedenken zum Shoppen in M├╝nchen und in der ersten M├Ąrzwoche erneut, aber schon vor- und umsichtiger. Shoppen bedeutet f├╝r uns ├╝brigens: CDs, Filme, B├╝cher, also M├╝ller im Tal, Hugendubel am Marienplatz und Saturn in der Kaufinger Stra├če.
Zuvor hatten wir uns im Das Kino in der Matinee die Doku ├╝ber Miles Davis angeschaut und als wir in M├╝nchen waren, konnte ich nicht widerstehen, mir die LP mit seiner Musik zu dem Film "Fahrstuhl zum Schafott" zu kaufen.

Foto aus Kinoprogramm

Cover der LP

Kurz danach ├Ąnderte sich alles, denn das Corona-Virus breitete sich rasant aus, erreichte Europa und h├Ąlt inzwischen die ganze Welt in eisernem Griff. Was das bedeutet, brauche ich nicht auszuf├╝hren, wir alle wissen durch die Medien Bescheid. Es ist vern├╝nftig, sich an die von der Regierung erlassenen Vorschriften zu halten, auch wenn es nicht in jedem Punkt leicht f├Ąllt. Am schwersten ist, dass wir uns nicht mit unseren Lieben und Freunden treffen k├Ânnen, aber wir haben die M├Âglichkeit, ├╝ber Handy und Computer Kontakt zu halten. Ich verbringe meine Tage daheim (abgesehen von den h├Ąuslichen Pflichten) mit Briefe schreiben (mit der Hand, da mein Drucker streikt), Musik h├Âren, telefonieren, skypen, Kreuzwortr├Ątsel l├Âsen, mein eingerostetes Englisch aufzubessern und nat├╝rlich lesen (ich bin ja eine Leseratte). Zudem hat mich letzte Woche eine Freundin angerufen und ├╝berredet, unseren ganz privaten, aber vor l├Ąngerem abgebrochenen, Lateinkurs wieder aufzunehmen.
Erw├Ąhnen m├Âchte ich noch, dass ich von mehreren, unerwarteten Seiten Hilfsangebote f├╝r Erledigungen bekommen habe. Auch wenn ich diese Angebote nicht annehme - ich k├Ânnte es mir nie verzeihen, dass sich diese Personen infizieren, weil sie mir helfen wollten - war es eine wunderbare Erfahrung!
Es ist eine schwierige Zeit f├╝r uns alle, aber lasst uns die Hoffnung nicht aufgeben, dass diese tiefe Krise vorbei geht und die Menschheit nicht wieder dieselben Fehler macht wie vorher. Passt auf euch auf, seid zuversichtlich, seid stark und bleibt gesund!

Donnerstag, 23. Mai 2019

Flohmarkt von Amnesty International

Wie jedes Jahr im Fr├╝hling fand auch diesmal am vergangenen Samstag der Flohmarkt von Amnesty unter den Arcaden beim Furtw├Ąnglerpark statt. Angeboten werden stets B├╝cher, Schallplatten, CDs und DVDs zu fairen Preisen.


Und wie jedes Jahr ging ich, zusammen mit meinem Sohn, schauen, st├Âbern - und nat├╝rlich kaufen. Vorsorglich hatte ich zwei Stoffbeutel eingesteckt (ich kenne mich!), die auch zum Schlu├č prall gef├╝llt waren.

Hier meine "Beute": Lesestoff und Musik f├╝r jede Stimmung








 








Flohm├Ąrkte sind etwas Wunderbares! Diesmal war ich ganz begeistert ├╝ber den Fund des Buches von Pietro Citati "Sch├Ân und verdammt - Ein biographischer Essay ├╝ber Zelda und F. Scott Fitzgerald" und die Box mit zwei Langspielplatten von Joseph Schmidt. Ich bin jetzt schon gespannt, welche Sch├Ątze ich bei meinem n├Ąchsten Flohmarktbesuch entdecken werde.......

Mittwoch, 1. Mai 2019

Fortsetzung Schreibwerkstatt

Wir bekamen inzwischen weitere, spannende Aufgaben gestellt:

Aufgabe: Ein Text ohne Nomen
 "Komm, lass uns spazieren gehen", sage ich zu dir und du zeigst mir, dass du dich freust. Erwartungsvoll blickst du mich an. "Warte, warte!" Ich ├╝berpr├╝fe rasch, ob ich alles bei mir habe - nichts vergessen? Dann gehen wir los. Zuerst halte ich dich fest, damit du nicht ├╝berfahren wirst. Als grau zu gr├╝n wechselt, lasse ich dich los. Begeistert l├Ąufst du hierhin und dahin, unerm├╝dlich, findest heraus, wer vor dir schon da gewesen ist. Zwischendurch erledigst du, was du erledigen musst und ich erledige daraufhin, was ich erledigen muss. Wir gehen und gehen und du genie├čt es, so frei zu sein. Schlie├člich ruhen wir uns aus, blau ├╝ber uns, braun und ganz viel gr├╝n um uns herum.
"Wollen wir heimgehen?" frage ich dich irgendwann und du bist einverstanden, denn du wei├čt, morgen werde ich wieder zu dir sagen "Komm, lass uns spazieren gehen."

N├Ąchste Aufgabe: Ein Text nur aus W├Ârtern mit Doppelbuchstaben
Hummel Emma sammelt Narzissen,
Libelle Antonella schwirrt ziellos,
Kaulquappen Otto, Johannes, Susanne schwappen Wasser,
Mutter Natter Kassandra brummelt: Kuddelmuddel !

Die aktuelle Aufgabe: Ein Text ohne Verben
 Mein Balkon, wie ein zus├Ątzliches , wenn auch kleines Zimmer, Ostseite, Loggia mit einer Mittels├Ąule und schmaler Br├╝stung aus Marmor. Ein Wohlf├╝hlort, nicht nur f├╝r mich, sondern auch f├╝r meine drei Katzen: Tommy Lee, Maya und Yukina. Vor mir, au├čen an der Hauswand, zwei Balkonk├Ąsten, jetzt mit bunten Stiefm├╝tterchen, sp├Ąter im Sommer mit leuchtenden Geranien und Weihrauch, im Herbst mit winterharter Heide.
Links Blick zum Gaisberg. Bei sch├Ânem Wetter und guter Thermik Dutzende von Gleitschirmfliegern, wie exotische V├Âgel am blauen Himmel.
Rechts Blick ├╝ber viele Str├Ąucher und B├Ąume hinweg zum Monatsschl├Âsschen in Hellbrunn.
Auf meinem Balkon auf der linken Seite zwei bequeme Korbsessel, in der Mitte dazwischen ein sehr altes Nachtschr├Ąnkchen als Tisch. Darauf ein kleiner Bonsai und Steinbuddha. Neben einem der Sessel auf einem Blumenhocker eine Zwergtanne.
Auf der rechten Seite f├╝r die Katzen - ├╝berall Katzengitter - zwei Kratztonnen mit Sitzfl├Ąche und Kuschelh├Âhle. Des weiteren ein Tischchen voller Blumen und Kr├Ąuter. Unter dem Tischchen eine ausgepolsterte Kiste, der Lieblingsplatz von Tommy Lee. Daneben ein Podest, Lieblingsplatz von Maya. Yukinas Lieblingsplatz hingegen die Kratztonnen, mal die eine, mal die andere.
An der freien Wand, in einer schmalen Nische ein wundersch├Ânes Gem├Ąlde einer jungen, begabten Freundin: drei gro├če Schneckenh├Ąuser in verschiedenen Gelb- und Braunt├Ânen.
Letztendlich eine ganz besondere Pflanze, ein knorriger Weinstock im K├╝bel, vergangene Dekoration in einer Oper und ein Geschenk des Festspielhauses f├╝r mich, zur Zeit meiner Arbeit in der W├Ąscherei w├Ąhrend der Sommerfestspiele.

Bei jeder dieser Aufgaben denkt man zuerst "wie soll blo├č das gehen ???" So reden wir nicht, so schreiben wir nicht. Aber es geht und ich versichere, dieses andere Denken hat viel Spass gemacht !



 

 

Sonntag, 7. April 2019

Kino ! Kino !

Ein wundersch├Ânes, ausf├╝hrliches Booklet - meine Inhaltsangaben sind verk├╝rzt wiedergegeben

Im Rahmen des 13. Lateinamerikanischen Filmfestivals vom 20.bis 31. M├Ąrz im Das Kino sahen wir - mein Sohn und ich - uns gemeinsam diese Filme an:

Mamacitá (Doku Mexiko)
spanische OF mit deutschen Untertiteln
Regie: Jos├ę Pablo Estrada Torrescano (anwesend)

Mamacit├í, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 95 Jahre alt, hat in Mexiko als junge Frau ein Sch├Ânheitsimperium aufgebaut. Sie w├╝nscht sich nun von ihrem Enkel Jos├ę Pablo einen Film ├╝ber ihr Leben. Er erf├╝llt ihr diese Bitte und wir Zuschauer haben Anteil nicht nur an Mamacit├ís Alltag, sondern erfahren auch von alten Wunden Mamacit├ís und ihres Enkels. Zum Ende hin kann sich Mamacit├í mit ihrer schwierigen Kindheit auss├Âhnen und ihr Enkel ihr seinerseits verzeihen.

Es ist ein wunderbarer, anrührender Film geworden,voller Ehrlichkeit, Humor und Bewunderung für Mamacitá, diese despotische, rechthaberische, keine Kritik vertragende - und gleichzeitig so verletzliche Grande Dame.
Eine Szene zum Schlu├č hin hat mich besonders ber├╝hrt: Mamacit├í sehen wir die ganze Doku ├╝ber, ihrem eigenen Anspruch gem├Ą├č, auch im Alter gepflegt zu sein, nur in teurer Kleidung, die Haare wohlonduliert, Lippenstift und ├╝berlange k├╝nstliche Fingern├Ągel. In dieser Einstellung aber ist sie ganz schlicht gekleidet, die Haare glatt und kein Lippenstift. Einfach eine alte Frau, die nun ihren Schutzpanzer ablegen kann.
Im Herbst erscheint Mamacit├í regul├Ąr in den Kinos und ich kann mir durchaus vorstellen, mir den Film nochmals anzuschauen.

Matar a Jes├║s (Spielfilm Kolumbien)
(Killing Jesus)
spanische OP mit englischem Untertitel
Regie: Laura Mora Ortega

Die junge Studentin Paula wird Augenzeuge des Mordes an ihrem Vater. Von einem der beiden M├Ârder kann sie das Gesicht erkennen und fasst den festen Entschlu├č, ihn zu t├Âten. Auf der Suche nach ihm entdeckt sie ihn schlie├člich in einer Discothek. Sie erschleicht sich sein Vertrauen und da er nicht wei├č, wer sie ist, gilt sie f├╝r ihn, seine Freunde und Familie bald als seine Freundin. Beide treffen sich oft und je ├Âfter sie ihn sieht und mehr ├╝ber ihn erf├Ąhrt, desto schwerer f├Ąllt es ihr, ihn zu t├Âten.
Als sie zum furiosen Schlu├č hin die beste Gelegenheit dazu hat, ja, Jes├║s sie sogar anfleht, ihn zu t├Âten, nachdem er nun wei├č, wer sie ist, sie aber liebt und schlie├člich den Mord gesteht, da schafft es Paula nicht, ihn zu t├Âten. Sie geht davon und l├Ąsst ihn in all seiner Verzweiflung zur├╝ck.

Es gibt einige Filme, in denen man als Zuschauer sogar eine gewisse Sympathie f├╝r den T├Ąter empfindet. Hier ist es genauso: Laura Mora Ortega ist es wunderbar gelungen aufzuzeigen, dass niemand von seinem Charakter her nur eindimensional ist, auch nicht ein M├Ârder. Ein spannender, toller Film, den ich mir ohne Z├Âgern nochmals anschauen w├╝rde.

El Comienzo del Tiempo (Spielfilm Mexiko)
(The Beginning of Time)
spanische OP mit englischem Untertitel
Regie/Drehbuch: Bernardo Arellano

F├╝r Antonio und Bertha, ein 80j├Ąhriges Ehepaar, ├Ąndert sich ihr Leben drastisch, als der Staat ihre Pension nicht mehr ausbezahlt. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, zu Geld zu kommen, bieten sie schlie├člich in einem Einkaufswagen Street Food an.
Durch reinen Zufall treffen sie auf ihren Sohn, der sich jahrelang nicht hatte blicken lassen, sowie ihren (erwachsenen) Enkel Paco. Der Sohn verspricht, sich fortan um die beiden zu k├╝mmern, verschwindet aber und taucht nicht mehr auf. Paco l├Ąsst er bei den Gro├čeltern, die ihren antriebslosen Enkel mit verkl├Ąrtem Blick sehen. 

Der Inhaltsangabe im Booklet nach wird sich das Leben von Antonio und Bertha schlagartig ├Ąndern, wenn Sohn und Enkel in ihr Leben treten. Ich empfand es keineswegs so, denn der Sohn verschwindet auf Nimmerwiedersehen und Paco ist egoistisch, faul und l├Ąsst sich von vorn und hinten von seinen Gro├čeltern bedienen. Selbst, als Paco zum Schlu├č hin Arbeit findet, vers├Âhnte mich das nicht. W├Ąhrend ich immerhin Mitleid mit dem alten Ehepaar empfand und mich ├╝ber das Verhalten des Enkels ge├Ąrgert habe, fand mein Sohn den Film einfach nur langweilig (ja, das darf ich schreiben, ich habe seine Erlaubnis).

Cenizas (Spielfilm Ecuador)
(Ashes)
spanische OF mit englischen Untertiteln
Regie/Drehbuch: Juan Sebastián Jácome

Der Vulkan Cotopaxi droht auszubrechen und aus ihrer Angst und Einsamkeit heraus, wendet sich Caridad an ihren Vater, zu dem sie jahrelang keinen Kontakt hatte. Der Vater verlie├č die Familie im Unguten und lebt nun mit einer anderen Frau zusammen.

Dieser Film erz├Ąhlt von einer komplizierten Vater-Tochter-Beziehung, von unklaren Schuldzuweisungen an den Vater, von Ann├Ąherung und Ablehnung.
Diego Naranjo spielt den Vater gro├čartig, allein seine Augen spiegeln all seine Empfindungen wider, man k├Ânnte ihm stundenlang zuschauen. Faszinierend fand ich auch, dass permanent Asche vom Vulkan herabrieselte und wie die Bewohner darauf reagierten: Sie klopften sich einfach die Asche von der Kleidung und lebten v├Âllig gelassen ihren Alltag weiter.

Cocote (Spielfilm Dominikanische Republik)
spanische OF mit deutschen Untertiteln
Regie: Nelson Carlo De Los Santos Arias

Alberto arbeitet als G├Ąrtner in Santo Domingo bei einer wohlhabenden Familie. Als er vom Tod seines Vaters erf├Ąhrt, reist er in sein Heimatdorf, um an der 9t├Ągigen Trauerzeremonie teilzunehmen. 
Es stellt sich heraus, dass sein Vater von einem Dorfbewohner get├Âtet wurde und die Familie erwartet von Alberto Rache f├╝r dieses Verbrechen.

Hier geht es um alte Traditionen, ver├Ąndertes Denken und letztendlichen Zw├Ąngen - Alberto ├╝bt gegen seine ├ťberzeugung die geforderte Rache aus. An sich ein hochspannendes Thema, aber f├╝r mich miserabel umgesetzt. Es ist sehr schwer, die endlosen Wiederholungen des Trauerrituals auszuhalten und die Kameraf├╝hrung ist oft merkw├╝rdig und nicht nachvollziehbar. Ich habe mich sehr gelangweilt - obwohl ich anfangs offen f├╝r das Thema war - und hatte nur den einen Wunsch, der Film m├Âge aufh├Âren !
Der Produzent, Lukas Valenta Rinner, war zu Gast und erz├Ąhlte anschlie├čend viel Interessantes ├╝ber den Film - und ich dachte: Von welchem Film spricht er eigentlich ???

Viaje (Spielfilm Costa Rica)
spanische OF mit englischen Untertiteln
Regie/Drehbuch: Paz Fábrega

Luciana und Pedro lernen sich auf einer Kost├╝mparty kennen und beschlie├čen, Zeit miteinander zu verbringen. Als Pedro f├╝r seine Biologie-Doktorarbeit nach Ric├│n de la Vieja aufbrechen muss, begleitet ihn Luciana spontan. Die beiden verleben einige intensive Tage im Nationalpark, um sich dann aber wieder zu trennen.

Ein absolut zauberhafter, leichter Film, getragen von den beiden liebenswerten Darstellern, der uns zeigt, wie sch├Ân es sein kann, einfach nur mal im Hier und Jetzt zu leben.
Ein Nachtrag: Luciana ist diejenige, die zur├╝ckkehrt, w├Ąhrend Paco noch bleibt. Das verlangt doch nach einer Fortsetzung, oder ???

Distancias cortas (Spielfilm Mexiko)
(Walking Distance)
spanische OF mit deutschen Untertiteln
Regie: Alejandro Guzmán Alvarez

Fede wiegt 200 Kilo und lebt in einer abbruchreifen Wohnung, die er so gut wie nie verl├Ąsst. Seine Einsamkeit wird nur unterbrochen durch gelegentliche Besuche seiner ewig n├Ârgelnden Schwester und seinem zu allem jasagenden Schwager. Eines Tages findet Fede eine alte Filmrolle und beschlie├čt, den Film entwickeln zu lassen. Im Fotoladen trifft er auf den jungen Verk├Ąufer Paulo. Zwischen den beiden und Fedes Schwager, der endlich R├╝ckrat zeigt, entsteht nach und nach eine tiefe Freundschaft, die Fedes Leben ver├Ąndert.

Mich hat dieser Film sehr ber├╝hrt: Dieser dicke, dicke, einsame Mann, der sich keinen seiner Tr├Ąume aufgrund seines extremen Gewichtes erf├╝llen kann und dabei doch so sympathisch ist. Die Szene, als er sich zu einer Reise entschlie├čt und im Reiseb├╝ro mit fadenscheinigen Ausfl├╝chten am Buchen gehindert wird, ist kaum auszuhalten. Diskriminierung pur. Und schon, als wir sehen, wie sich dieser schwere Mann m├╝hsam zum Fotogesch├Ąft schleppt, l├Ąsst mich den Atem anhalten.
Aber es gibt auch viel zu lachen in diesem Film, nachdem er, Paulo und sein Schwager Freunde geworden sind. Das Publikum geht voll mit dem Film mit und ich gehe es auch.
Der Regisseur pr├Ąsentiert uns ein herzerw├Ąrmendes, liebevolles M├Ąrchen, jawohl, ein M├Ąrchen. Aber hat nicht jeder von uns schon mal erfahren, was Freundschaft bewirken kann ?
Ich wünsche mir diesen Film in die Kinos - und auf DVD (ebenso Mamacitá und Matar a Jesús) !

Jeder Film erz├Ąhlt eine eigene Geschichte und es war ein besonderes Erlebnis, diese Filme anzuschauen (auch wenn mir/uns Cocote so gar nicht gefiel - dabei wurde der Film auf Festivals mit Preisen ├╝berh├Ąuft - wer irrt da?), alleine deshalb, da sie kaum bei uns zu sehen sind und wir sehr wenig bis gar nichts ├╝ber das Filmschaffen in diesen L├Ąndern wissen. Wir freuen uns schon jetzt auf das 14. Lateinamerikanische Filmfestival in zwei Jahren !

Nachtrag: Yuli konnten wir uns aus zeitlichen Gr├╝nden leider nicht anschauen, der Film l├Ąuft aber gl├╝cklicherweise noch im Das Kino! Und: Die Beitr├Ąge meines Sohnes zum 13. Lateinamerikanischen Filmfestival finden sich unter: www.wilsonsdachboden.com